DenkmalHeute vor 70 Jahren, am 9. April 1945, wurde Johann Georg Elser in Folge der sich abzeichnenden Niederlage des Deutschen Reichs im Konzentrationslager Dachau durch einen Genickschuss ermordet. Dem voraus gegangen war der gescheiterte Anschlag auf Adolf Hitler und die NS-Führungsspitze am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller – dem Herz der nationalsozialistischen Bewegung – in München. Sein Versuch, sich über Konstanz in die Schweiz abzusetzen, scheiterte. Er wurde beim versuchten Grenzübertritt gefasst und als kurz darauf die Bombe in München explodierte, galt Elser schnell als Hauptverdächtiger. Nach wochenlangen Verhören, gekennzeichnet durch brutale Folter in den Kellern der Gestapo in Berlin, wurde Elser zu Beginn des Jahres 1941 in das Konzentrationslager Sachsenhausen verlegt – er sollte bis Kriegsende am Leben bleiben, um ihn in einem großen Schauprozess nach dem erwarteten „Endsieg“ zu verurteilen.

Elser wollte mit seinem Attentat, das er im Alleingang geplant und durchgeführt hatte, einen weiteren deutschen Krieg verhindern und die Naziherrschaft beenden. Auf dieses Ziel hin richtete er sein gesamtes Leben aus; so nahm er Berufe in Rüstungsbetrieben und in einem Steinbruch an, um an das nötige Material und Wissen für den Bau seiner Bombe zu kommen. Im Bürgerbräukeller arbeitete er über 30 Nächte lang daran, seine Bombe in einem Pfeiler über dem Rednerpult zu verstecken. Diese sollte am Tag der Gedenkveranstaltung für den gescheiterten Hitler-Putsch explodieren und somit Hitler und weitere Führungspersönlichkeiten der NSDAP töten. Leider verließ Hitler den Saal dreizehn Minuten früher als gedacht, die Bombe tötete acht Menschen und verletzte 63 weitere. Die Führung der NSDAP war dem Attentat entkommen.

Georg Elser war kein Intellektueller, sondern ein einfacher Arbeiter von der schwäbischen Alb; er ging gelegentlich in die Kirche, war Mitglied im Trachtenverein und im Zitherclub. Politisch stand er den linken Arbeiterorganisationen nahe, war jedoch kein verbohrter Ideologe. Er wählte die KPD und war Mitglied in der Gewerkschaft. Später trat er auch dem Roten Frontkämpferbund bei, einer militanten Kampforganisation der KPD und Vorläufer der Antifaschistischen Aktion.

Nach 1945 wurde Elser öffentlich diffamiert und seine Alleintäterschaft bezweifelt. Es wurde einerseits weiter die NS-Propagandalüge einer britischen Verschwörung bedient oder andererseits behauptet, der Anschlag wäre eine Inszenierung der Nationalsozialisten gewesen und Elser demnach ein „Werkzeug“ der NS-Führung. Elsers Tat wurde sowohl in der BRD wie auch in der DDR lange totgeschwiegen, erst in den 80er und 90er Jahren erfuhr sein Wirken eine späte Würdigung.

Wir als autonome Antifaschist*innen gedenken Georg Elser als einem fortschrittlichen und freiheitlich eingestellten Menschen und verweigern uns der Vereinnahmung durch das bürgerliche Gedenken der breiten Öffentlichkeit, die Georg Elser seit einigen Jahren in eine Reihe mit sogenannten „bürgerlichen Widerstandskämpfern“ wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder Erwin Rommel zu stellen versucht. Im Gegensatz zu den Attentätern des 20. Juli 1944 hätte Elsers Attentat den Krieg vermutlich beenden können und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem der Krieg noch nicht sein gesamtes verheerendes Ausmaß erreicht und der Massenmord an den europäischen Juden und Jüdinnen, an Sinti, Roma, Homosexuellen, Geistlichen, Menschen mit Behinderung und politisch Andersdenkenden noch in seiner Anfangsphase gestoppt werden hätte können.

Dies bleibt natürlich Spekulation, allerdings ist festzuhalten, dass im Jahr 1944 diese massenhaften Morde schon mehrere Millionen Opfer gefordert hatten und die Attentäter vom 20. Juli nicht aufgrund der unermesslichen Barbarei des Krieges und der Vernichtung handelten, sondern vielmehr aus Sorge um ihre Nation Deutschland. Elser hingegen trat als Person auf, die einzig und allein den Krieg verhindern und das von ihm hellsichtig erkannte Unheil frühzeitig stoppen wollte, ungeachtet der Gefahren für sein eigenes Leben.

Mit seinem einsamen Entschluss, den Führer des Deutschen Reiches samt des ihm zujubelnden faschistischen Mobs in die Luft zu sprengen, verweigerte er sich der deutschen Volksgemeinschaft und sagte dem Kollektiv der Mörder im Namen der Freiheit des Individuums den Kampf an. Er widerlegte praktisch die Ausflucht all derer, die mitgemacht oder bloß geschwiegen haben: Dass man doch nichts hätte tun können. Sein militanter Antifaschismus, der sich im Angesicht der Barbarei um „demokratische Legitimation“ nicht scherte, ist für uns in unserem heutigen Kampf gegen den Faschismus und seine Ursachen immer noch vorbildhaft.

 

In Erinnerung an Georg Elser.

Nie wieder Faschismus – Nie wieder Deutschland!

 

Anarchistische Gruppe Freiburg (April 2015)

Categories: Texte 0 like

Comments are closed.