Soziale Verhältnisse und Gewalt

„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Selbstmord treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“ (Bertolt Brecht)

Gewalt erscheint uns als etwas außergewöhnliches. Meistens nehmen wir im Hier und Jetzt nur bestimmte Formen der Gewalt wahr. Doch wieviel Gewalt in der Gesellschaft steckt, in der wir leben, fragen wir uns nur selten. Dabei ist Gewalt sehr viel gegenwärtiger als wir denken und die Frage, wie wir diese Gewalt überwinden könnte, nicht so ohne weiteres zu beantworten. Doch wenn wir irgendwann in einer gewaltfreien Gesellschaft leben wollen, dann werden wir uns mit dem Phänomen auseinandersetzen müssen.

Gewalt lässt sich nicht auf individuelle Akte der Kriminalität reduzieren. Ihre rein rechtliche Dimension erfasst vieles nicht – das wusste auch schon Bertolt Brecht. Sie ist vielmehr bereits in der Struktur unserer Gesellschaft angelegt: Lohnarbeit, Armut und Krieg sind keine individuellen Schicksalsschläge, sondern den gesellschaftlichen Verhältnissen geschuldet.

Wenn wir also über Gewalt sprechen, dann müssen wir über die strukturellen Grundlagen unserer Gesellschaft und deren Verwaltung reden. Über die Klassengesellschaft, die jene, die nicht das Privileg haben, zur kapitalbesitzenden Klasse zu gehören, zur Lohnarbeit zwingt. Dann müssen wir über das Patriarchat sprechen, das Geschlechterverhältnisse schafft, die für Nicht-Männer allzu oft von Gewalt geprägt sind. Dann müssen wir über den Rassismus und Nationalismus sprechen, der Menschen anderer Herkunft weniger Rechte zugesteht oder mit einem Grenzregime vorschreibt, wer sich wohin bewegen und wer wo leben darf. Und wir müssen über den Staat sprechen, der mit einem ganzen Arsenal an gewaltförmigen Institutionen – Polizei, Knäste, Grenzschutz, etc. – diesen Status Quo aufrechterhält. Derselbe Staat, dessen Fürsprecher*innen uns einreden, dass Gewalt ganz grundsätzlich und immer von Übel sei, der für sich aber das Monopol der Gewalt beansprucht. Der zugleich Gewalt vor allem dann sieht, wenn sie von Akteuren ausgeht, die dem Staatsinteresse nicht unbedingt zuträglich sind – und viele andere, alltägliche Formen von Gewalt allzu gerne übersieht.

Doch wie gelangen wir zu einer herrschafts- und gewaltfreien Gesellschaft? Diese Frage beschäftigt Linke und Anarchist*innen seit jeher. Einige setzen auf die besseren Argumente und/oder das Vorleben von ethischen Maximen. Andere vertreten die Ansicht, dass ausgehend von der gewalttätigen Struktur der Gesellschaft diese auch nur gewaltsam überwunden werden könne, wohlwissend dass Gewalt grundsätzlich ein Problem ist. Der Sozialphilosoph Herbert Marcuse konstatierte schon vor rund 50 Jahren: “Hinsichtlich der geschichtlichen Funktion gibt es einen Unterschied zwischen revolutionärer und reaktionärer Gewalt, zwischen der von den Unterdrückten und der von den Unterdrückern ausgeübten Gewalt. Ethisch gesehen: beide Formen der Gewalt sind unmenschlich und von Übel – aber seit wann wird Geschichte nach ethischen Maßstäben gemacht?” Historisch gesehen waren soziale Umwälzung nahezu immer gewaltsame Akte. Nur muss dies auch für die Zukunft gelten?

Wir haben uns vorgenommen, dem Phänomen der Gewalt in sozialen Verhältnissen einmal auf den Grund zu gehen. In unserer Veranstaltungsreihe wollen wir die Struktur der Gewalt analysieren, die unserer Gesellschaft zugrunde liegt. Anhand konkreter Beispiele suchen wir dabei auch nach möglichen Alternativen und setzen uns auch kritisch mit der “befreienden” Gewalt auseinander.

Freitag, 22. November 2019 um 19 Uhr: Smash Patriarchy. Gewalt im & gegen das Patriarchat

Workshop des Ignite Kollektivs im Linken Zentrum Freiburg, mit Feministische Linke Freiburg & realitätenwerkstatt*

Dienstag, 10. Dezember 2019 um 19 Uhr: Gewalt. Macht. Widerstand. G20 & Folgen

Vortrag von Andreas Blechschmidt, Ort: siehe tacker.fr, mit Rote Hilfe Freiburg & Arbeitskreis kritischer Jurist*innen

Donnerstag, 23. Januar 2020 um 19 Uhr: Strukturelle Gewalt & Widerstand bei Herbert Marcuse

Vortrag beim Offenen Anarchistischen Treffen, Ort: siehe tacker.fr, mit La Banda Vaga

Donnerstag, 13. Februar 2020 um 19 Uhr: Anarchie oder Barbarei? Das europäische Grenzregime & mögliche Alternativen

Vortrag von Daniel Loick, Ort siehe tacker.fr, mit Aktion Bleiberecht Freiburg

März 2020: Rechte Gewalt und Reden gegen Rechts

Diskussionsveranstaltung mit Radio Dreyeckland, Ort & Termin bald auf tacker.fr

Eine Veranstaltungsreihe der Anarchistischen Gruppe Freiburg und wechselnden Kooperationspartner*innen, finanziell unterstützt vom Studierendenrat der Universität Freiburg. Mehr Infos unter: tacker.fr & ag-freiburg.org


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