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Solidarität ist eine unserer Stärken!
Samstag, 27. September 2008

Wir - die Anarchistische Gruppe [:ag] Freiburg - solidarisieren uns mit den mutigen, kreativen und hoffentlich weiterhin kraftvollen jungen Menschen aus Bühl und Umgebung, die eigentlich nur das getan haben, was das Ziel der Bildung ist - oder sein sollte: sie beweisen Mündigkeit - das bedeutet Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Mündigkeit impliziert im Sinne Adornos die Vorstellung vom politisch teilhabenden, das Leben aktiv und aus Einsicht gestaltenden, freien und autonomen Menschen. „Mündigkeit ist das Vermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen.“ (Kant)

Mündigkeit ist herzustellen - über eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand! (Adorno)

Diese zentrale These war es, die in der Zeit kurz vor dem Tode Adornos im Jahre 1969 und in den darauf folgenden Jahren  alte Strukturen als autoritär und repressiv entlarvte und die deutsche Bildungslandschaft veränderte. Erziehung zur Mündigkeit steht in einem historischen Kontext und ist seit der Zeit der Aufklärung das klassische Bildungsideal.

„Denn das Ungeheuerliche - Auschwitz und seine Folgen für die deutsche Nation - besteht weiter fort; und die Forderung, dass "Auschwitz" nicht noch einmal sei, muss die erste an Erziehung sein. Die Zivilisation trägt die Barbarei in sich und Erziehung hat dagegen aufzubegehren. Doch die konkrete Gefahr eines menschenfeindlichen und - verachtenden Klimas geht aus einem wiedererwachenden Nationalismus hervor. Dem Widerstand entgegenzubringen ist unabhängig von der Zugehörigkeit zu Verfolgten oder Schwächeren von jedeR Einzelnen zu leisten.“
(nach Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit)

Dass diese These nicht aus der "Steinzeit" stammt, sondern auch heute aktuell ist, zeigt z. B. das Statement von Prof. Lob-Hüdepohl der Kath. Hochschule in Berlin im Rahmen der Caritas-Initiative 2008 "Achten statt Ächten" für benachteiligte Jugendliche: Er macht sich für eine veränderte Haltung gegenüber jungen Menschen stark und appelliert, junge Menschen mit ihren Stärken und Fähigkeiten zu achten. Viel zu oft begegne man ihnen mit Vorurteilen und qualifiziere sie zu schnell ab. Die Wahrnehmung vieler Erwachsener sei oft „so eingetrübt, dass sie das Provozierende Jugendlicher nur als Bedrohung wahrnehmen.“ Die Bemühungen vieler junger Menschen, etwas an ihrer schlechten Lage zu ändern, werde dagegen kaum wahrgenommen. Viel zu oft würden Jugendliche in "mentale Kollektivhaft“ genommen. Dies führe allzu leicht zur Missachtung statt zu Anerkennung und Wertschätzung der Leistungen von jungen Menschen.

Die Praxis sieht aber, wie das Bühler Beispiel zeigt, ganz anders aus:

Nicht nur, dass die Jugendlichen nicht unterstützt werden, wenn sie ihr Zentrum selbst verwalten und nicht nur das städtische Jugendzentrum konsumieren wollen, nicht nur, dass ihr gewaltfreier Ansatz, darauf aufmerksam zu machen, mit teilweise brutalen Übergriffen und Verletzungen durch die Polizei sowie Personalienaufnahmen beantwortet wurde - nein, daraufhin  sind auch bei 18 von ihnen die Wohnungen durchsucht worden! Hausdurchsuchungen! bei Jugendlichen! mit explizit friedlicher Ausrichtung und Kooperationsbereitschaft! gehören zu den gemeinsten Übergriffen des Staatsapparates überhaupt: neben dem vordergründigen Ziel, etwas zu finden, was den Betroffenen angehängt werden kann - hier Fotos der Partybesetzung, ist das Eindringen in eine Wohnung  immer auch ein Versuch, zu demütigen, zu demoralisieren und "Allmacht“ zu demonstrieren. Aber nicht nur, dass 18 Hausdurchsuchungen stattfanden, im Nachhinein wurden die mündigen Jugendlichen auch noch durch ZeitungsredakteurInnen mit Worten wie „kollektiver Wahrnehmungstörung“ und „Gewaltextasen“ öffentlich verleumdet. Nicht nur, dass die Lokalpresse wie so oft log und aus friedlichen BesetzerInnenn gewalttätige RandaliererInnen machte, selbst lokale Nazis ließen sich die Chance nicht entgehen und hetzten gegen die Gruppe.

Dass die Jugendlichen aus dem Raum Bühl diese krasse Repression und deren Folgen zu spüren bekommen haben, ist empörend und weckt in uns Wut, Kraft und Solidarität, ist aber eigentlich nichts Neues:

„Die Geschichte kann keine einzige wichtige soziale Verbesserung vorweisen, die nicht auf den Widerstand der herrschenden Mächte - der Kirche, Regierung und des Kapitals - stieß. Nicht ein Schritt wurde vorwärts getan, ohne erst den Widerstand der Herrschenden zerstören zu müssen. Jeder Fortschritt forderte einen bitteren Kampf. Viele und lange Kämpfe waren erforderlich, um die Sklaverei abzuschaffen; Revolten und Aufstände, um die fundamentalsten Rechte der Menschen zu sichern.

Es gibt keine Regierung oder Autorität, irgendeine Gruppe oder Klasse, die ihre Macht und Herrschaft freiwillig aufgegeben hat. Gibt es einen vernünftigen Grund anzunehmen, daß die Autorität oder das Kapital einen plötzlichen Sinneswandel durchgemacht haben und sich in Zukunft anders verhalten werden, als sie es in der Vergangenheit getan haben? Die Regierung und das Kapital werden kämpfen - um die Macht zu behalten. Sie tun das auch heute - bei der geringsten Bedrohung ihrer Privilegien. Sie werden mit allen Mitteln um ihre Existenz kämpfen.

Um sie loszuwerden, wird eine Revolution erforderlich sein.“
(nach Alexander Berkman: ABC des Anarchismus)

Deswegen rufen auch wir zur Antirepressionsdemonstration am 11. Oktober 2008 in Bühl auf:

Das, was sie wollen - Einzelne herausgreifen und einschüchtern, funktioniert nur so lange, wie wir ihr Spiel mitspielen. Wenn wir uns jedoch gemeinsam wehren, funktioniert ihre Vereinzelungsstrategie nicht mehr. Den Charakter des Prozesses, dessen Sinn es sein soll, zu entsolidarisieren, werden wir umkehren!  Wir  brauchen  engagierte junge - und auch ältere -  Leute,  denn:

„Haben Sie sich jemals gefragt, wie es möglich ist, dass Regierung und Kapitalismus trotz all des Unglücks und Verdrusses fortbestehen können, die sie in der Welt erzeugen? Falls Sie das getan haben, dann muss Ihre Antwort gelautet haben, es kann nur daran liegen, dass die Menschen diese Einrichtungen unterstützen, weil sie daran glauben. Das ist das Problem der ganzen Angelegenheit: Die heutige Gesellschaft basiert auf dem Glauben der Menschen, daß sie gut und nützlich sei. Sie beruht auf der Idee der Autorität und des Privateigentums. Es sind Ideen, die die Zustände aufrechterhalten. Ohne diese Ideen oder diesen Glauben würde keine Regierung auch nur einen Tag länger bestehen.

Jede Gesellschaftsstruktur beruht auf bestimmten Ideen, was bedeutet, dass eine Veränderung der Struktur eine Veränderung der Ideen voraussetzt. Mit anderen Worten, die Ideen in einer Gesellschaft müssen zuerst verändert werden, bevor eine neue Gesellschaftsstruktur aufgebaut werden kann. Die soziale Revolution entfaltet sich bis zu dem Punkt, an dem eine erhebliche Anzahl von Menschen sich die neuen Ideen zu Eigen gemacht hat und sie entschlossen in die Tat umsetzen will.

Hieraus folgt ganz offensichtlich, dass eine soziale Revolution sehr gut vorbereitet werden muss. Vorbereitet im Sinne einer Aufklärung der Menschen über die Übel in unserer heutigen Gesellschaft und indem man sie davon überzeugt, dass ein Leben in einer Gesellschaft auf der Basis von Freiheit wünschenswert und möglich, gerecht und durchführbar ist; vorbereitet überdies, dass den Massen klar erkennbar gemacht werden muss, was wir wirklich brauchen und wie wir es erreichen können.

Bereiten wir uns vor.“
(nach Alexander Berkman: ABC des Anarchismus)

Zeigt auch ihr vielfältige Solidarität! Beteiligt euch z. B. an der Demonstration!

Bereitet euch vor! Schafft Rote Hilfe!