| Was ist eigentlich Anarchismus? |
| Montag, 30. November 2009 | |
![]() Diese kurze Definition umfasst grob die Idee, die sich hinter dem vieldiskutierten Begriff der Anarchie verbirgt. Jedoch wurde und wird die Idee des Anarchismus von Menschen ständig verändert, getragen und weiterentwickelt. Deswegen können wir nicht von einer allumfassenden Theorie sprechen, da es die unterschiedlichsten theoretischen und praktischen Ansätze und Strömungen gibt, welche weltweit zu beobachten sind. Mit diesem Text wollen wir aufzeigen, was wir wollen und wie wir uns eine gesellschaftliche Ordnung ohne das Prinzip der Herrschaft vorstellen. Dabei ist dieser Text als Anreiz gedacht und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Entscheidungsfindung und Organisation
Wir wollen unser Leben selbst bestimmen, unsere Angelegenheiten selbst regeln, unsere Arbeit und unser Zusammenleben selbst organisieren. Unser Leben spielt sich in Kollektiven, Projekten und Kommunen ab und Entscheidungen werden von allen Betroffenen basisdemokratisch mitbestimmt, was heißt, dass alle von einer Entscheidung betroffenen Menschen gemeinsam zu einer Lösung oder zu einem Kompromiss kommen und diesen mittragen können. Da es bei Entscheidungsfindungen jedoch fast immer Menschen geben wird, die dominanter auftreten als andere, mehr Verantwortung übernehmen und mehr Einfluss besitzen, halten wir es für wichtig, diesen Einfluss Einzelner so klein wie möglich zu halten. Gleichzeitig bauen wir auf Dezentralismus, Eigenverantwortung und Eigeninitiative, was essentiell für das Zusammenleben in einer anarchistischen Gesellschaft ist. Daher versuchen wir ständig, unser Handeln und uns kritisch zu hinterfragen. Gemeinsam entwickeln und probieren wir einen selbstbestimmten Gegenstandpunkt zu Staat, Kapital und Herrschaft.
Herrschaftsfrei
Herrschaft begegnet uns in vielen Lebensbereichen, wie zum Beispiel in der Schule, auf der Arbeit, in Beziehungen, in Familien und auch im sonstigen Zwischenmenschlichen. Unverzichtbarer Bestandteil emanzipatorischer Politik ist es, Herrschaftsverhältnisse in allen diesen Bereichen aufzudecken, zu kritisieren und zu bekämpfen, also z.B. Sexismus, Rassismus oder Behindertenfeindlichkeit. Eine Beschränkung auf einzelne solcher Herrschaftsverhältnisse und ihre isolierte Betrachtung hat fatale Folgen: Eine Reproduktion von Herrschaft bzw. diskriminierendem Handeln in anderen Bereichen findet schneller statt, als manch eineR denkt. Herrschaft wird, wie auch das herrschende kapitalistische System, tagtäglich von dieser Gesellschaft reproduziert, stabilisiert und verinnerlicht. Es gibt jedoch nicht die "bösen" HerrscherInnen und die "armen" Beherrschten, da jedeR einzelne in dieser Gesellschaft zur Aufrechterhaltung dieser Verhältnisse beiträgt. Wir streben eine von Herrschaft befreite Gesellschaft an statt einer Macht- und Herrschaftsumverteilung - wie es manche autoritäre KommunistInnen beispielsweise wollen, sondern die endgültige Abschaffung eines jeglichen Herrschaftsverhältnisses. Wir wollen keinen neuen Staat errichten, da Staaten den Rahmen für z. B. eine gewaltsame Aufrechterhaltung von Konkurrenz, kapitalistischen Verhältnissen und Herrschaft darstellen.
Eine Utopie?
Zwischen 1917 und 1921 rebellierten die BäuerInnen und
ArbeiterInnen in der Südukraine unter Nestor Machno gegen die
Bolschewiki. Ganze Landregionen, Städte, das Transportwesen, viele
industrielle Bereiche und eben alles, was dazu gehört, waren
größtenteils unter anarchokollektivistischen Aspekten selbst verwaltet.
Es entstand innerhalb kürzester Zeit eine revolutionäre, anarchistische
Bewegung, die über Jahre Bestand hatte. Zu Hoch-Zeiten gehörte eine
Fläche mit etwa 7 Millionen Menschen zu dieser anarchistischen
Bewegung. Auch wenn natürlich nicht alles perfekt organisiert war und
die Bewegung teilweise deutliche Widersprüche aufzeigte (beispielsweise
die Bewaffnung der Massen und der Aufbau einer PartisanInnen-Armee),
zeigten diese vier Jahre dennoch, dass eine anarchistische Gesellschaft
auch im großen Stil nachvollziehbar, lebbar und funktionsfähig ist. Das Ganze scheiterte nicht an der Organisation oder der Initiative der Menschen, sondern einzig an der gewaltsamen Zerschlagung durch die KommunistInnen unter Lenin.
Später, in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts waren große
Teile Spaniens anarchistisch organisiert, die Industrie, die Gemeinden
und die Landwirtschaft wurden von den dort arbeitenden Menschen selbst
verwaltet. Die Politik wurde basisdemokratisch organisiert und die
anarchistischen Milizen kämpften im Bürgerkrieg gegen die FaschistInnen
Francos. Im Laufe des Krieges und einer größer werdenden Notwendigkeit des Widerstands gegen die FaschistInnen mussten immer mehr Zugeständnisse an KommunistInnen und RepublikanerInnen gemacht werden. Als diese immer mächtiger wurden, kam es zu einem Verbot der ArbeiterInnenpartei POUM, welche zusammen mit den AnarchistInnen kämpfte. Auch gegen die anarchosydikalistische CNT und die AnarchistInnen der FAI wurde der Druck durch Repression aufgebaut, welche in internen Kämpfen gipfelte und schließlich zu einer Niederlage gegen die FaschistInnen Francos führte. Diese bedeutenden historischen Ereignisse können wir hier natürlich nur grob anreißen, da es sonst den Rahmen dieses Textes sprengen würde. Weitere Texte zum spanischen Bürgerkrieg und den anarchistischen Widerstand gegen die Bolschewiken in der Ukraine gibt es auf anarchismus.at, auf de.anarchopedia.org oder im Buch-/Infoladen deines Vertrauens. Doch auch in der Gegenwart gibt es unzählige Kommunen, Betriebe, Häuser, Wagenplätze, Projekte und Dörfer, in denen Menschen versuchen, ihre anarchistischen Ideale umzusetzen, neu zu entdecken und zu leben.
Anarchismus = Aufruhr und Gewalt?
Immer wieder verbreiten die bürgerlichen Medien, dass in den vielen Kriegs- und Krisengebieten der Welt "Anarchie" herrsche. Die dortigen Zustände wie Mord, Hunger, Chaos, Krieg & Zerstörung werden als Anarchie bezeichnet, was nicht stimmt, und wofür die richtige Bezeichnung eigentlich Anomie wäre. Und genauso oft sollen es angeblich AnarchistInnen sein, die Bomben werfen, die Städte im Chaos versinken lassen und für Aufruhr sorgen. Da der Anarchismus jedoch von Grund auf etwas Konstruktives ist, darf er nicht mit Gewaltausbrüchen gleichgesetzt oder in Verbindung gebracht werden. Schließlich ist der allumfassende Kapitalismus mit seiner ausbeutenden Verwertungslogik der eigentliche Verursacher von Chaos, Kriegen und Hunger, denn er nimmt keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Menschen, der Tiere und der Natur. Einzig die ständige Profitmaximierung steht im Vordergrund. Wir AnarchistInnen streben das genaue Gegenteil vom herrschenden System an: wir wollen eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, ohne Herrschaft und Autorität, ohne Regierungen und Nationen, eine Welt, in der das Zusammenleben der Menschen auf gegenseitiger Solidarität aufbaut. Doch die Realität sieht leider anders aus und die Möglichkeit selbstbestimmt zu leben und sich zu organisieren wird mehr und mehr durch staatliche Repressionen und wirtschaftlichen Druck erschwert. So ist täglich zu spüren, dass Herrschaftsverhältnisse und Gewalt den Alltag in unserer Gesellschaft bestimmen. Dies äußert sich nicht nur durch offensichtliche Beispiele wie Krieg oder direkte Gewalt der Staatsmacht, denn auch der sexistische und rassistische Normalzustand reproduziert Gewalt und Herrschaft täglich. Eine Versöhnung mit den herrschenden Verhältnissen kommt für uns nicht in Frage, denn Reformen innerhalb des kapitalistischen Systems können für uns keine Perspektive bieten. Die mehr als notwendige Überwindung des Kapitalismus und aller Herrschaftsverhältnisse bietet die Chance auf ein besseres Leben. Denn was ist schon ein "schönes" Leben im falschen Ganzen? Wir wollen gemeinsame Praxen des Widerstandes aufbauen und verbreiten, mit gemeinsamer Anstrengung, Selbstverantwortung und Selbstreflektion den Anarchismus, die Freiheit, Vielfalt und Selbstbestimmung und -organisation leben und ausprobieren. Denn die Idee des Anarchismus ist noch lange nicht fertig. Sie verändert und erweitert sich mit all unseren Erfahrungen...
(Stand: Anfang Dezember 2009) |

